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28.05.2020 06:30 Alter: 40 days

Offener Brief an Bundesministerin Klöckner


26. Mai 2020

Offener Brief: Beendigung der Intensivtierhaltung zur Vermeidung von Pandemien  

Sehr geehrte Frau Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner,

im Januar 2020 wurde ein neues Coronavirus identifiziert, das sich als hochinfektiöse COVID-19 Pandemie mit zahlreichen Todesfällen von Mensch-zu-Mensch verbreitet hat und weiterhin mit sehr hohem Aufwand bekämpft wird. Es ist bekannt, dass sich viele Krankheitserreger fließend zwischen Menschen- und Tierpopulationen bewegen. Das Überspringen von Viren, die ursprünglich nur bei Tieren vorkommen, auf den Menschen erfolgt durch Mutation und damit durch Anpassung an den Menschen als Wirtsorganismus. Sicherlich sind auch Ihnen, sehr geehrte Frau Klöckner, die erheblichen Gefahren durch mutierte Influenzaviren wie z.B. H1N1 (Schweinegrippe) oder H5N1 (Vogelgrippe) noch gut in Erinnerung. Im Jahr 2018 analysierte eine Gruppe von Wissenschaftler*innen 39 Antigenverschiebungen von bei Tieren vorkommenden Virusstämmen auf den Menschen – davon traten 37 Fälle in kommerziellen Geflügelproduktionsbetrieben auf.

Eine vergleichbare Situation besteht auch bei bakteriellen Erregern; z.B. MRSA. Bereits 2009 wurde über das Bundesinstitut für Risikobewertung darauf hingewiesen, dass das Potenzial des Erregers, seine Resistenz- und Virulenzeigenschaften zu verändern, eine engmaschige Überwachung in den Tierpopulationen sowie entlang der Lebensmittelkette erforderlich macht. Seitens des Robert Koch-Institutes wurde empfohlen, Patienten die (beruflich) direkten Kontakt zu Tieren in der landwirtschaftlichen Tiermast (Schweine) haben, grundsätzlich bei der Aufnahme in Krankenhäuser auf MRSA zu untersuchen, um die Patienten vor Infektionen zu schützen und auch die Weiterverbreitung des Erregers in Krankenhäusern einzudämmen. Unverständlicherweise haben Sie sich im Mai 2019 – also vor einem Jahr – für eine Verringerung der Kontrollfrequenzen im Lebensmittelbereich inkl. der Fleischbetriebe ausgesprochen; die aktuellen Missstände und deren Folgen sind nun bekannt.

Sehr geehrte Frau Klöckner, in Ihrer Funktion als Bundeslandwirtschaftsministerin tragen Sie eine sehr hohe Verantwortung für die zukünftigen Entwicklungen in der Primärproduktion, bei Transport und Schlachtung und im Lebensmittelbereich – d.h. Sie sind auch verpflichtet, das Risiko der Entstehung und Ausbreitung mutierter Erreger und damit verbundener Pandemien nach bestem Wissen und Gewissen zu minimieren.  

Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn sich Ihr Blick auf eine art- und tiergerechte, gesunde Haltung der sogenannten Nutztiere und auf nachhaltige Umweltbedingungen richtet. Grundlage für eine Pandemieverhinderung ist u.a. die – allseits bekannte – „social distance". Doch im Bereich der industriellen Nutztierhaltung wird, mit fatalen Folgen, genau das Gegenteil praktiziert. 175 Mio. Hühner und Puten sowie 27 Mio. Schweine leben in Deutschland auf engstem Raum zusammen; es handelt sich um genetisch homogene Hochleistungszuchten, die lebenslang in geschlossene Stallsysteme eingepasst, mit nicht artgerechtem Hochleistungsfutter ernährt und sogar metaphylaktisch mit hohen Antibiotikagaben behandelt werden müssen. Die EU-Verordnungen 2019/4, 2019/5 und 2019/6 wurden explizit dazu erlassen, den Einsatz von Tierarzneimitteln zum Ausgleich für schlechte Bedingungen in der Tierzucht zu untersagen. Es gilt nun, die Haltungssysteme an die Tiergesundheit anzupassen, nicht umgekehrt.

Der Zusammenhang zwischen Agrarindustrie mit Intensivtierhaltung, hohen Umweltschäden und zunehmendem Pandemierisiko ist wissenschaftlich bekannt und belegt – ebenso wie die Lösung: eine zwingend notwendige Entflechtung und Extensivierung der industriellen Nutztierhaltung.

Mittlerweile werden Journalisten, die den Zusammenhang von Covid-19 und Massentierhaltung thematisieren oder kritisch über die Pandemie berichten, massiv eingeschüchtert und bedroht.

Doch auch Sie, sehr geehrte Frau Klöckner, wissen um die lang anhaltenden, systematischen und erheblich rechtswidrigen Missstände rund um diese industrielle Nutztierhaltung – angefangen bei der Tierhaltung (Geflügel-, Schweine- und Rinderhaltungsskandale) über Tiertransporte und unvorstellbar grausame Schächtungen in Drittländern (s. zahlreiche Veröffentlichungen; z.B. Maisack/Rabitsch und Animals´ Angels), wiederholte Schlachthofskandale, umfangreiche Missstände in Zerlegebetrieben sowie weltweite Gesundheitsschäden (Pandemien, resistente Keime) und Umweltzerstörungen (Regenwaldvernichtung, hoher EU-weiter Insektizid-, Herbizid- und Fungizideinsatz mit Verlust der Biodiversität, Gülleproblematik usw.).  

Das Zusammenwirken von Artenschwund, Antibiotika, Desinfektionsmittel und industrieller Nutztierhaltung potenziert die Risiken. Man kann die Gesundheit von Tieren und Menschen nicht getrennt betrachten. Biodiversität ist die sicherste – wenn auch nicht 100%ige – Lebensversicherung für den Menschen, um gegen Erreger gewappnet zu sein.

Als demokratisch gewählte Politikerin stehen Sie, Frau Klöckner in der Pflicht, Ihr zukünftiges Handeln nicht länger rein wirtschaftlich und nach Lobbyisten-Vorgaben auszurichten, sondern sich zum Wohl jedes Einzelnen für einen grundsätzlichen Systemwandel auszusprechen und diesen umzusetzen. Nur so haben wir heute und zukünftig die Chance auf ein gesundes, respektvolles und nachhaltiges (Über-)Leben.  

Mit freundlichen Grüßen im Namen aller zeichnenden Organisationen

Aktionsgemeinschaft Agrarwende Nordhessen e.V.

AKUT – Aktion Kirche und Tiere e.V.

ANIMALS UNITED e.V.

Ärzte gegen Massentierhaltung n.e.V.

Bürgerinitiative LAHSTEDT-ILSEDE für TIER, MENSCH und UMWELT

Contra Industriehuhn Wedemark e.V.

Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht e.V.

Deutscher Tierschutzbund – Landestierschutzverband Niedersachsen e.V.

Deutsche Tier-Lobby

Erna-Graff-Stiftung für Tierschutz

Förderverein des Peter-Singer-Preises für Tierleidminderung e.V.

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